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Selbstbestimmt vs Fremdbestimmt

Suchen Sie sich einen ruhigen Ort und stellen Sie sicher, dass Sie die nächsten Minuten völlig ungestört sind. Nehmen Sie einen Stift und ein Stück Papier zur Hand und schreiben Sie auf das Papier die Überschrift: „Dinge, die ich in meinem Leben NICHT mag“

Danach stellen Sie einen Küchenwecker oder Ihr Handy auf 5 Minuten ein. Sobald die Zeit läuft, schreiben Sie alles auf, was Ihnen in den Sinn kommt. Nicht nachdenken, einfach aufschreiben.

Ungefähr so:

Und jetzt machen Sie das Ganze noch einmal, nur umgekehrt. Das heißt, Sie schreiben jetzt alles auf, was Sie in Ihrem Leben mögen. Wieder ohne Nachdenken und ohne Bewertung. Und los!

Jetzt haben Sie sich einen ersten Überblick darüber geschaffen, wo Ihre Reise hingehen soll. Nehmen Sie sich Zeit und vergleichen Sie beide Blätter miteinander. In unserem Beispiel wird schnell deutlich, dass Julia nur mit den Dingen richtig zufrieden ist, die für sie einen Sinn machen oder sinnlich zu erfahren sind. Die Dinge, die sich allerdings unsinnig anfühlen beziehungsweise, bei denen sich die Verfasserin fremdbestimmt fühlt, diese Dinge belasten und beschweren sie ganz erheblich.

12:50 Uhr: Julia hält mit quietschenden Reifen vor Lenas Schule. Sie ist mal wieder viel zu spät dran. Gerade, als sie gehen wollte, fragte sie der Amtsleiter, ob sie nicht noch Zeit für ein Gespräch hätte? Nur ganz kurz, versicherte er. Was blieb Julia da anderes übrig? Vor allem, da sie sich schon denken konnte, worüber er mit ihr sprechen wollte. Und natürlich ging es mal wieder um das leidige Thema Überstunden. Oder vielmehr darum, dass sie kaum welche hatte.

 Er wisse ja, dass sie „nur“ Teilzeit da sei, murmelte Herr Schiller, aber ein gewisses Engagement könne sie ja dennoch an den Tag legen. Ob sie ihre Arbeit denn nicht zu seiner Zufriedenheit erledige, erkundigte sich Julia. Oder ob irgendetwas liegen bleibe? Nein, nein, keineswegs. Aber sie wisse ja, wie es so läuft, im öffentlichen Dienst – die Stunden bringen das Geld. Und wenn sie immer so pünktlich Feierabend mache dann, nun ja, dann erwecke das den Eindruck, als ob alle anderen langsam wären. So ist es ja schließlich auch! Beinahe hätte Julia das laut gesagt. Gerade noch rechtzeitig zügelte sie sich. Mit einem Ruck stand sie auf und griff nach ihrer Tasche. Sie wisse seine Offenheit zu schätzen und wolle ihn nicht länger aufhalten.

 Julia schnaubt verächtlich durch die Nase. Sie? Ihn aufhalten? Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Er hatte sie mit seiner vollkommen lächerlichen und unnötigen Ansprache davon abgehalten, ihre Kinder pünktlich abzuholen. Max hatte sich schon sehnsüchtig das Näschen am Nachguck-Fenster plattgedrückt. Und wenn sie eben nicht ein klein wenig unorthodox gefahren wäre, hätte Lenchen auch noch warten müssen. Aber immerhin das hatte sie vermeiden können. Da kam ihre Große ja gerade aus der Schule. Wehmütig denkt Julia daran, wie schnell die Zeit vergeht. Gestern noch, so scheint es ihr, hatte sie ihre Tochter auch aus der Dino-Gruppe abgeholt und jetzt war sie schon so groß. Aber niedergeschlagen schaut sie aus, denkt Julia. Ob sie wohl die Deutsch-Arbeit zurückbekommen haben?

 13:45 Uhr: Piep. Piep. Christians Handy signalisierte eine Nachricht von Julia. „Hi Schatz. Lena hat Deutsch raus. Ne 4. Blöd gelaufen. Lena ist ganz traurig. Vielleicht doch mal Nachhilfe? Schiller ist ein Idiot. Hat mich mal wieder wegen Überstunden vollgequatscht. Und Max erzählt was von Kindern in Käfigen. Kapierst du das? Wir reden nachher. Fahr jetzt die Kinder zum Turnen. Liebe dich.“

15:38 Uhr: Ob er für morgen noch einen Vortrag vorbereiten könne? Die Bezirksdirektion will sich auf einem Hochschultag präsentieren und er hatte doch beim letzten Mal auch einen so überzeugenden Bericht erstellt. Christian sieht seinen Chef mit großen Augen an. Einen Bericht? Klar, kein Problem. Hat er in der Schublade. Das müsste er nur anpassen. Aber einen Vortrag? Um Studenten von einer Karriere bei ihnen zu überzeugen? Da müsste er etwas komplett Neues schreiben. Wunderbar! Sein Chef strahlt ihn an. Er habe ja gewusst, das Christian ihn nicht im Stich lassen würde. Und es wäre vollkommen ausreichend, wenn er den Vortrag bis morgen früh neun Uhr hätte. Er solle sich ruhig Zeit lassen.

 16:01 Uhr: Piep. Piep. „Hi Schatz. Wird später. Chef will einen Vortrag. Neu. Erfrischend. Und bis morgen. Reden nachher. Nicht mit dem Essen warten. Liebe euch.“

Und wie ist es mit Ihnen? Wann fühlen Sie sich fremdbestimmt und welche Dinge brauchen Sie, um Ihre Sinne anzusprechen?

 

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