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Verpasste Gelegenheiten

Die Sachen, die wirklich wichtig sind, auf dieser Welt, können mit Geld nicht – oder wenn, dann nur zum Teil – erkauft werden. Liebe und Freundschaft, Stolz auf das Erreichte, Geborgenheit und Vertrauen sind mit Geld nicht zu erwerben. Und am Ende zählen immer nur die Sachen, die wir erlebt und die Menschen, die wir geliebt und nicht die Dinge, die wir gekauft haben.

19:17 Uhr: „Papa kommt, Papa kommt.“ Jubelnd stürmen Max und Lena zur Haustür. Julia folgt ihnen lächelnd. Obwohl sich die Zwerge bestimmt darüber freuen, ihren Papa noch zu sehen, ist die Freude darüber, dass sich das abendliche Zähneputzen und Schlafanzuganziehen noch etwas nach hinten verschiebt, mindestens genauso groß.

20:23 Uhr: Müde streckt Julia ihre Füße auf dem Sofa aus. Uff. Der Tag war lang und anstrengend. Christian kommt gähnend aus dem Kinderzimmer. Gerade hat er den Zwergen Gute Nacht gesagt und gemeinsam mit ihnen Oliver Twist gelesen. Nicht das ganze Buch, versteht sich. Aber den Anfang und immer abwechselnd mit Lena. Max darf die Seiten umblättern. Aber so hat sich auch die Frage nach den Kindern im Käfig geklärt. „Willst du noch was essen?“

„Nein, danke. Ich habe keinen Hunger. Ich glaube, ich zieh mir noch was Bequemes an und komm dann zu dir aufs Sofa.“

„Au ja, mach das. Und dann kuscheln wir noch ausgiebig, okay?“

„Kuscheln?“ Christian zieht anzüglich die Augenbrauen hoch. „Aber Frau Müller, willst du mir etwa unmoralische Angebote machen?“ grinsend beugt Christian sich über sie, küsst sie und schiebt ihr eine Hand unter den Pulli.

„Nein, Herr Müller,“ spöttisch zieht sie seine Hand von ihrer nackten Haut weg. „Ich glaube für alle Arten der Unmoral sind wir heute zu müde. Aber ich will mich noch ein bisschen bei dir entspannen. Und über unseren Tag reden. Und wir müssen noch entscheiden, was wir Weihnachten mit unseren Eltern machen.“

„Autsch.“ Christian verzieht das Gesicht. „Du musst nicht unbedingt unsere Eltern ins Spiel bringen. Wenn du keine Lust hast, kannst du es auch einfach sagen.“

Lachend schiebt Julia ihn von sich weg. „Geh dich jetzt endlich umziehen und dann komm her zu mir, damit wir wenigstens noch ein paar Stunden für uns haben.“

„Jawohl.“ Christian schlägt die Hacken zusammen. „Gehe mich umziehen. Kehre gleich zurück.“

 Schmunzelnd sieht Julia ihm nach. Sie liebt ihn so sehr. Aber in den letzten Monaten finden sie kaum noch Zeit füreinander. Zwischen Kindern, Arbeit und der täglichen Tretmühle ist es gar nicht so einfach, sich als Paar nicht aus den Augen zu verlieren. Sie weiß schon gar nicht mehr, wann sie zuletzt miteinander geschlafen hatten. Unter der Woche sind sie beide meist zu müde. Und am Wochenende toben die Kinder durchs Haus oder müssen irgendwohin kutschiert werden. Vielleicht sollten sie die Zeit, die sie jetzt haben  einfach nutzen? Reden können sie später auch noch. Verdammt. Sie hatte sich die Haare immer noch nicht gewaschen und ihre Beine sind auch nicht rasiert. Aber Christian würde das wahrscheinlich sowieso egal sein. Hauptsache nackte Beine. Ob mit oder ohne Härchen war da schon fast egal. Aber nicht unbedingt hier im Wohnzimmer. Wenn Max nochmal aufs Klo musste, schaute er immer noch zu ihnen rein. Außer wenn dunkel war. Das bedeutete, dass Mama und Papa auch schliefen, das wusste er. Und dann ging er meistens wieder in sein Bett. Naja, meistens eben. Aber zumindest konnten sie die Schlafzimmertür hinter sich zu machen. Entschlossen steht Julia auf und legt die Wolldecke zusammen. So, mein geliebter Mann, jetzt bist du fällig. Ich will dich nackt und schwitzend in unserem Bett und zwar hier und jetzt und gleich.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer, löst Julia bereits die obersten Knöpfe ihrer Bluse und löscht alle Lichter. Verführerisch ruft sie durch die angelehnte Schlafzimmertür: „Schatz? Du musst dich nicht umziehen…bleib, wo du bist. Da bist du genau richtig, für das, was ich mit dir vorhabe.“ Lächelnd öffnet sie die Tür. Da liegt ihr Mann völlig nackt auf ihrem Bett. Tief und fest schlafend.

Und noch eine verpasste Gelegenheit. Aber Sie haben nun eine –vorläufige- Liste von Lebenszielen vor sich liegen. Vorläufig deswegen, weil diese auch dynamisch und Änderungen unterworfen sind. Sobald Sie auf Weltreise waren, ein Kind gezeugt haben oder ein Haus gebaut haben, werden neue Ziele erscheinen. Und das ist auch gut so. Sobald ein Mensch keine Ziele mehr hat, hört er auf, sich vorwärts zu bewegen und er verfällt in Stillstand oder läuft im Kreis. Deswegen ist es hilfreich, von Zeit zu Zeit Ihre Ziele zu überprüfen und auch anzupassen. Aber hierzu später mehr. Zunächst einmal ist es wichtig, dass Sie die Ziele, die Sie für sich gefunden haben, auch erreichen. Oder Sie stellen fest, dass es doch nicht die richtigen Ziele waren. Auch das ist in Ordnung. Scheitern gehört dazu.

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