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Kleine Fluchten

Manchmal muss man einfach abhauen. Den Alltag hinter sich lassen und sich an einen Ort begeben, an dem die Akkus wieder aufladen können. Dieser Ort ist für mich London. An keinem anderen Platz der Welt habe ich mich bislang so angekommen und daheim gefühlt, wie in dieser Stadt. Eine Weltmetropole durchmischt mit den Klängen der Karibik, den Düften der westindischen Inseln, dem herrlich nonchalanten britischen Snobismus und der allgemeinen Verschrobenheit der Inselbewohner. Und egal, wie oft es mich schon dorthin getrieben hat, ich finde immer wieder neue Ecken und versteckte Gassen, die mein Herz höher schlagen lassen. London hat für mich immer einen besonderen Zauber, doch die Weihnachtszeit in London ist einfach überwältigend.

Am ersten Adventswochenende konnten mein Mann und ich uns eine kleine Flucht erlauben. Die Kinder waren sicher geparkt und wir haben uns über das Wochenende nach London verzogen. Als wir am Ende eines langen Tages die Oxford Street entlang liefen, setzte auf einmal leise Musik ein:

Oh the weather outside is frightful
But the fire is so delightful
And since we’ve no place to go
Let it snow! Let it snow! Let it snow!

Als wir an der Fassade von Selfridges nach oben blickten fielen tatsächlich dicke große weiße Schneeflocken vom Himmel. Und in diesem Augenblick, im hektischen, pulsierenden Vorweihnachtsgetümmel, hielten die Menschen für einen kurzen Moment inne, blickten nach oben und streckten ihre Hände den niederschwebenden Schneeflocken entgegen. Einen Wimpernschlag lang waren wir alle wieder kleine Kinder und durften den Zauber der Weihnachtszeit noch einmal erleben.

Es hat an diesem Tag nicht wirklich in London geschneit. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die Schneeflocken als Schaum von mehreren auf der Fassade platzierten Schaummaschinen produziert. Doch trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Entzauberung bleibt für mich das Gefühl einer allumfassenden Zufriedenheit in diesem Moment. Der Zauber der Weihnacht war für einen kurzen Moment für viele Menschen gleichzeitig spürbar. Und das ist es doch, was einen guten Zauber ausmacht.

 

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