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Je suis le Möpsör

In unserem Leben gibt es viele Beziehungen und Verbindungen zu anderen Menschen. Manche sind lose, manche sind enger, manche gründen auf Verpflichtungen und Zwängen, andere sind freiwillig und selbstgewählt. Einige haben Bestand und andere begleiten uns nur ein kurzes Stück des Weges. Und manche Begegnungen hinterlassen Spuren, die wir unser Leben lang in uns tragen.

Im Leben mit Kindern kommt früher oder später der Zeitpunkt, an dem wir als Eltern das Gefühl haben, in einen Spiegel zu blicken. In einen Zerrspiegel, der uns auf aberwitzige Art und Weise einen Blick in die eigene Vergangenheit gewährt. Als ich so alt war wie mein großer Sohn heute ist, begleitete mich für ein Stück meines Weges ein damaliger Schulfreund von mir. So alt wie ich, groß und schlaksig, sportlich und klug und natürlich der Schwarm der meisten Mädchen. Wir wurden Freunde, gute Freunde und wie das so ist, kann ich heute nicht mehr sagen, wie unsere Freundschaft begann oder warum. Ich kann nur sagen, dass mir diese Freundschaft zu ihm eine Zeitlang so wichtig war, wie die Luft zum Atmen. Schwärmte ich auch für ihn? Natürlich. Ob das anders herum auch so war, kann ich nicht sagen. Aber ehrlicherweise glaube ich das nicht. Die großen sportlichen Jungs schwärmen selten für die kleinen, moppeligen und vorlauten Mädchen. Dennoch war diese Freundschaft echt und von beiden Seiten tief empfunden. Was wir am meisten genossen, waren unsere verbalen Schlachten, die wir mit großer Hingabe und Verbissenheit austrugen, ohne jemals verletzend zu werden. Argument folgte auf Gegenargument, Beweis auf Gegenbeweis und am Ende gab sich mal der eine, mal der andere geschlagen. Immer in dem Bewusstsein, von einem würdigen Gegner besiegt worden zu sein und in freudiger Erwartung der nächsten Herausforderung. Einmal, während einer besonders hitzigen Diskussion, stahl er mir mein eigenes Argument aus dem Mund. Empört bezichtigte ich ihn des Gedankendiebstahls. Woraufhin er grinsend entgegnete: „Stimmt. Je suis le Möpsör.“

Vor einiger Zeit mopste mein kleiner Sohn seinem großen Bruder einen seiner Schuhe, um ihn sich anzuziehen. Mein großer Sohn beugte sich grinsend über ihn und sagte: „Kleiner. Sag mal, bist du etwa der Möpsör?“

Und da stand ich. War wieder zwanzig Jahre jünger und sah die Geister meiner Vergangenheit vor mir. Unsere Jugendfreundschaft hat nicht gehalten. Das Leben und einige andere Lieben kamen uns dazwischen. Und dennoch. Manchmal denke ich an ihn und dann streift mich der Hauch der Vergangenheit und Adele kommt mir in den Sinn:

I heard that you’re settled down
That you found a girl and you’re married now.
I heard that your dreams came true.

I wish nothing but the best for you too.

 Wo immer du bist, wo immer du steckst. Ich wünsche dir, dass deine Träume wahr geworden sind und dass deine eigenen Kinder dir auch diesen Spiegel vorhalten und dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Und ich wünsche dir, dass auch du den einen Menschen gefunden hast, der dich auf deinem Weg begleitet, wohin er auch führt. Bis ans Ende der Welt und darüber hinaus.

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