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Freiheit – zum Ersten

Während ich diese Zeilen hier schreibe, läuft im Hintergrund N24 mit aktuellen Berichten zu einem erneuten Terroranschlag in Frankreich. In Nizza ist ein LKW während eines Feuerwerks anlässlich des Französischen Nationalfeiertages in eine Menschenmenge gerast.

Mehr als 80 Menschen sind zu Tode gekommen, über 100 Menschen zum Teil schwer verletzt. Darunter mindestens 10 Kinder. Eine Lehrerin und zwei Schülerinnen aus Berlin, die in Nizza zur Abschlussfahrt anläßlich des bestandenen Abiturs waren, gehören ebenfalls zu den Opfern. Als ich die Nachricht heute früh auf dem Ticker gelesen habe, war mein erster Gedanke: schon wieder. Und als zweites: hört das denn nie auf. Dennoch konnte ich das Ausmaß nicht wirklich begreifen. Wie sollte es auch sein? Das menschliche Hirn ist darauf programmiert, bei Sachen, die zu entsetzlich sind, um von uns verarbeitet zu werden, einfach abzuschalten. Das Unfassbare ausblenden und im Autopilot weiter machen. Doch dann habe ich ein Video auf Youtube gesehen. Eine Menschenmenge an einem Sommerabend.

Wir haben es in der Hand…

Männer in kurzen Hosen, Frauen in leichten Sommerkleidern. Gelächter und Musik liegt in der Luft. Kinder, die an den Händen ihrer Eltern durch die fröhliche Menschenmasse hüpfen, geborgen und sicher. Ein Mann, der ein kleines Kind auf seinen Schultern trägt, läuft durch das Bild. Eine Sekunde später rast der LKW in die Menschen hinein. Gräbt sich unbarmherzig eine Schneise. Hinterlässt Tod und Verwüstung. Wer kann sowas begreifen?

Wie soll ein Mensch das ertragen in dem Bewusstsein zu leben, dass nichts und niemand mehr sicher ist? Das ist die eigentliche Brutalität des Terrors. Natürlich sterben täglich Menschen. Und natürlich sterben auch öfter viele Menschen auf einmal an scheinbar sicheren Orten, durch Unfälle oder Flugzeugabstürze. Oder an unsicheren durch Kriege oder Hunger. Aber hier wie dort weiß man zumindest um die Gefahr. Jeder, der ein Flugzeug betritt, weiß, dass er abstürzen kann. Das Risiko mag klein sein, aber mit meinem Entschluss zu einer Flugreise bin ich dennoch bereit, dieser Gefahr zu begegnen. Aber an einer Strandpromenade? Während ich mir ein Feuerwerk anschaue und den Geist von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit feiere. Das war kein Anschlag auf Frankreich. Das war ein Attentat auf die Freiheit. Denn was ist die Konsequenz? Frankreich stuft noch einmal die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Es werden Reisewarnungen ausgegeben. Der nationale Notstand um weitere drei Monate verlängert. Diese Maßnahmen sind richtig und wichtig, um die Menschen zu schützen. Aber was ist mit uns? Was ist mit uns Menschen? Sollen wir kniend leben. Eingesperrt und uns in entlegene Bergdörfer zurück ziehen, aus Angst, unseren Kindern könnte etwas passieren? Sollen wir so leben? Dass wir unseren Kindern vom Eifelturm erzählen, ihnen aber verbieten, ihn sich selbst anzusehen, aus Angst, sie könnten bei einem Anschlag ums Leben kommen.

Natürlich kann man jetzt sagen, dass diese Reaktion übertrieben ist. Wirklich? Ist sie das? Was werden die Eltern der getöteten Abiturientinnen aus Berlin sagen? Die ihr Kind zum Feiern ans Mittelmeer ließen und es nicht mehr zurück bekommen haben. Was werden sie sagen? Bis an ihr Lebensende werden sie sich Vorwürfe machen, dass sie ihre Töchter in die Freiheit entließen. Und genau das will jede Form von Terrorismus. Es war die Schuld eines wutblinden, engstirnigen Attentäters, egal ob organisiert oder nicht. Der Attentäter hat sich hinter das Steuer des LKWs gesetzt. Hat Gas gegeben und ist über lebende Menschen gefahren und hat sie zu Tode gemalmt. Doch die Eltern werden für den Rest ihrer Lebens diesen einen Satz im Kopf haben: „Hätten wir sie doch nur nie fahren lassen.“

Und dazu darf es nicht kommen. Wir dürfen nicht zu einer Gesellschaft werden, die in Angst, Selbstvorwürfen und Unfreiheit lebt. Liberté, Egalite, Fraternité – jetzt erst recht.

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