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Und ewig läuft die Schnupfennase

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Babys ständig erkältet sind. Kaum ist der eine Schnupfen verschwunden, schon lauert der Nächste hinter der Ecke. Ist ja auch kein Wunder, die stopfen ja auch alles in den Mund. Oh…da liegt ein Blatt auf dem Boden! Mal probieren, ob das anders schmeckt, als der Kieselstein, den ich vorhin hatte. Und da liegt ein gebrauchtes Tempo. Toooooll! Mal schauen, ob ich das noch auslutschen kann.

Kinder sind super. Kinder sind toll. Aber wenn die nicht alles immer in den Mund stecken würden, wären sie auch nur halb so oft krank. Apropos in den Mund stecken. Das hört ja bei Blättern, Kieselsteinen und Regenwürmern noch lange nicht auf. Von ihren Mitmenschen und Mitkindern mal gar nicht zu sprechen. “Du schaust nett aus, du schmeckst bestimmt auch gut”. Uuuuund Schleck, Schmatz, Schlürf, wird Jessica-Chantall nach Herzenslust abgeknutscht und abgeleckt. Und das Ganze wird auch noch pädagogisch und gesellschaftlich toleriert. Ist halt die orale Phase. Der muss alles mit seinem Mund erfühlen, um die Welt mit allen Sinnen zu begreifen. Bloß nicht schimpfen, das behindert ihn bei der Entfaltung seiner Persönlichkeit….

Dabei möchte ich darauf wetten, dass die gleiche Helikopter-Mami, die mich heute streng rügt (Ja, rügt. Ich war kurz davor, mich freiwillig in eine Ecke zu stellen und mich zu schämen), wenn ich meinen Sohn ausschimpfe (Natürlich völlig unverdient. Sich eine abgelutschte Bananenschale aus dem Mülleimer zu fischen und in den Mund zu stecken ist selbstverständlich ein unumstößlicher Bestandteil der freien Persönlichkeitsentwicklung…Wie konnte ich das nur anders sehen?!), dass die selbe Mami also in – sagen wir mal 12 Jahren – mir ihren Anwalt auf den Hals hetzt, wenn der Krümel ihrer Jessica-Chatall am Pausenhof ein Bussi auf die Wange drückt. Die Klage wegen sexueller Belästigung sehe ich jetzt schon kommen.

Aber sei`s drum. Ich schweife ab. Noch sind die amourösen Abenteuer des Krümels in weiter Ferne und das Einzige, das bei uns läuft (“Läuft bei dir?”) ist seine Nase. Die dafür richtig. Wahlweise ist diese allerdings auch verstopft, was dazu führt, dass unsere Nachbarn des Nächtens besorgt an unserer Tür klopfen und fragen, ob wir kleine Bären in unserer Wohnung haben. Nein. Danke der Nachfrage. Haben wir nicht. Dafür ein Baby mit Schnupfen, das sich darum bemüht, seinem Vater den Rang als Weltbester und -lautester Schnarcher streitig zu machen. In einem fairen Wettkampf wurden beide zu Siegern erklärt. Der Hauptpreis war die gemeinsame Übernachtung im Eltern-Schlafzimmer. Auf diese Art habe wenigstens ich ein bisschen geschlafen und musste das Gesäge nicht in Stereo ertragen.

Nachdem es allerdings auch keine Dauerlösung sein konnte, Vater und Sohn auf ewig als Zimmer-Kumpel ins Exil zu verbannen, musste eine andere Lösung her. Und wie immer, wenn ich nicht weiterweiß, frage ich erstmal meine bevorzugte Suchmaschine mit dem Doppelvokal in der Mitte. Ich könnte auch meine Mutter fragen. Aber wozu sich die Mühe machen, wenn man in der gleichen Zeit ungefähr 100 Millionen Antworten zum Thema “Schnupfen und was man dagegen machen kann” online, anonym und oft auch unbelastet von jedem Hintergrundwissen erhalten kann. Da findet man dann auch so schöne Sachen wie: “Schnupfen. Ein Vorbote von Nasenkrebs.” (Irgendjemand sagt immer, dass es Krebs ist) oder “Wenn Ihr Nasensekret grünlich ist, sind Sie höchstwahrscheinlich von Aliens entführt worden.” und und und.

Aber, man findet eben auch ganz nützliche Sachen. Dass man Kochsalzlösung selber machen kann und damit die kleine Schnupfennase feucht halten. Eine aufgeschnittene Zwiebel neben dem Bett sorgt durch ihre Dämpfe ebenfalls für besseres Durchatmen. Und am besten einfach für eine hohe Luftfeuchtigkeit sorgen. Durch feuchte Tücher auf der Heizung, einem Wäscheständer im Zimmer oder durch einen elektrischen Luftbefeuchter. Nachdem ich mich bei meiner Mutter rückversichert hatte, dass diese Vorschläge sinnvoll oder zumindest unbedenklich sind, haben wir als erstes den Versuch mit den Zwiebeln gestartet. In dieser Nacht haben die Nachbarn nicht bei uns geklopft. Allerdings haben am frühen Morgen (oder in der späten Nacht, je nachdem) zwei junge Herren in verschiedenen Stadien der Nüchternheit (Sie befanden sich auf der anderen Seite davon. Der eine mehr. Der andere noch mehr) an unserer Tür geklingelt und gefragt, ob wir ihnen zwei Döner verkaufen. Es riecht so gut.

Döner haben sie nicht bekommen, aber den Teller mit den aufgeschnittenen Zwiebeln. Als Wegzehrung. Wir sind ja keine Unmenschen.

Zwiebeln waren also auch keine Lösung. Dann eben doch der Luftbefeuchter. Gesagt, getan, bestellt. Arbeitet mit Ultraschall und vernebelt das eingefüllte Wasser in der Luft. Hat auch noch hübsche Lichteffekte, die lassen wir zum Schlafen aber aus. Mit gefiltertem Wasser gefüllt (braucht es eigentlich nicht, weil ein Filter eingebaut ist), angesteckt und laufen lassen. Nach einer Weile fühlt sich der Raum ein bisschen so an, als würde man im Sommer morgens über eine grüne Wiese gehen. Leichter Nebeltau (hach, wie poetisch) liegt in der Luft und es fühlt sich einfach irgendwie…frisch an. Als wäre das ganze Zimmer mit Persil gewaschen worden.

Und in dieser Nacht: nichts. Keine Nachbarn, keine hungrigen Partyheimkehrer, kein Schnarchen.

Der Schnupfen war natürlich nicht über Nacht weg. Ich bezweifle ehrlich gesagt, ob wir während der Winterreifen-Saison (von O-O. Also von Oktober bis Ostern), überhaupt drei Tage am Stück komplett schnupfenfrei schaffen. Aber der Krümel hat zumindest besser geschlafen und nachts leichter Luft bekommen. Und das ist die Hauptsache.

 

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