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Der erste Schnee

Auch im Allgäu fällt dann und wann einmal Schnee. In manchen Regionen sogar so viel, dass die Menschen anfingen, Lifte und Skihütten aufzustellen, um das weiße Wunder auch gebührend zu nutzen. Dennoch scheint es, gerade im städtischen Bereich, viele Leute Jahr für Jahr zu überfordern, wenn die weiße Pracht das erste Mal vom Himmel fällt und dann auch noch liegen bliebt.

Auch Opa Fritz musste dieses Jahr mal wieder feststellen, dass auch die sonst so gemütlichen Allgäuer ein wenig – nun ja – wunderlich werden, sobald der erste Schnee fällt…

Opa Fritz musste mal wieder einkaufen gehen. Seine Vorräte waren so gut wie aufgebraucht und auch das Hundefutter für Bello sollte einmal wieder aufgefüllt werden. Bei einem resignierten Blick aus dem Fenster wurde ihm klar, dass er sein Auto seit dem letzten Schneefall nicht mehr bewegt hatte. Was bedeutete, dass er sein Auto nicht nur freischaufeln, sondern vor allem erst einmal suchen musste.

Seufzend machte sich Opa Fritz auf den Weg zudem Schneehaufen, unter dem er sein Auto vermutete. Wenigstens hoffte er, dass sich unter dem weißen Schneeberg tatsächlich sein Auto verborgen hielt. Letzen Winter war es ihm nämlich einmal passiert, dass er unter Ächzen und Stöhnen ein kleines schwarzes Auto fein säuberlich von den Schneemassen befreit hatte. Nur um dann feststellen zu müssen, dass es sich nicht aufsperren ließ. Erst dachte er, dass das Türschloss eingefroren wäre. Nach einigen vergeblichen und teils gewalttätigen Versuchen, das Schloss mittels Rütteln und Schütteln und roher Gewalt zum Aufgehen zu zwingen bemerkte er, dass eine junge Frau neben ihn getreten war, die seinem Treiben amüsiert zusah. Ärgerlich wandte er sich zu ihr um.

„Wenn Sie eine bessere Idee haben, wie ich das vertrackte Schloss öffnen kann, dann nur keine falsche Bescheidenheit.“

„Ich würde es mal mit dem richtigen Schlüssel versuchen.“

Ärgerlich wedelte Opa Fritz mit seinem Autoschlüssel vor ihrer Nase herum. „Sieht das vielleicht wie ein Briefkastenschlüssel aus, häh?“

„Das nicht. Nur, der richtige Schlüssel ist es trotzdem nicht. Das ist nämlich mein Auto, das Sie da freigeschaufelt haben. Vielen Dank übrigens dafür. Aber wenn Sie mit Ihrem Schlüssel auch mein Auto öffnen könnten, müsste ich mich dringend mit dem Hersteller in Verbindung setzen.“ Sprachs und schloss mit einer einzigen eleganten Umdrehung das kleine schwarze Auto auf. Das zwar tatsächlich in Farbe und Modell dem Auto von Opa Fritz entsprach. Wie er nach einem resignierten Blick auf das Nummernschild jedoch feststellen musste, trotzdem nicht sein Auto war. Fröhlich hupend fuhr die junge Dame von dannen.

Daher beugte sich Opa Fritz stöhnend nach vorne um zu allererst das Nummernschild mit seinem kleinen Handbesen frei zu wedeln. Erleichtert stellte er fest, dass es sich bei dem Schneeberg tatsächlich um sein Auto handelte.

Er streckte sich, wobei seine Knie schon jetzt protestierten, und begann die mühevolle Arbeit. Besenschwung um Besenschwung verwandelte sich der hübsche kleine Schneeberg nunmehr in ein, wie sein Besitzer ein wenig in die Jahre gekommenes, zerknautschtes kleines Auto. Zerknautscht oder nicht, dachte Opa Fritz, bis jetzt hat er mich noch immer dahin gebracht, wohin ich wollte. Und das ist ja schließlich die Hauptsache.

Mit einem letzten Besenschwung befreite er auch noch den Seitenspiegel von den verbliebenen Schneeflocken, zückte den Schlüssel (den richtigen), öffnete die Tür und ließ sich auf den Fahrersitz sinken. Vielmehr hatte er das vor. Seine Hinterbacken hatten den Sitz noch nicht berührt, als ihn eine hohe giftige Stimme ankreischte: „Sie wollen das doch so nicht liegen lassen???“

Verwirrt blickte er sich um. Da stand eine alte faltige Frau mit ihrem Bettvorleger. Korrigiere, dachte Opa Fritz grimmig, kein Bettvorleger, sondern ein Wadenbeißer namens Waldi. Wer seinen Dackel so nennt, der wählt auch CSU oder schlimmeres.

„Was soll ich wo nicht liegen lassen?“ Seufzend schälte er sich wieder aus seinem Auto heraus.

„Den Schnee.“

„Welchen Schnee?“

„Den Sie von ihrem Auto auf dem Gehsteig geworfen haben. Wie soll ich denn jetzt noch durch kommen?!“ Anklagend deutete Frau Falte auf die Schneehaufen, die bereits eine innige Verbindung mit den anderen Schneemassen eingegangen waren, die einfach unerlaubterweise vom Himmel gefallen waren.

„Wie wär`s mit drüber laufen?“

„Das ist viel zu tief. Mein Waldi würde einsinken. Sie müssen den schon wieder wegkehren.“

„Mit einem Handbesen? Soll ich hier etwa vor ihnen auf die Knie gehen?“

„Wenn es nicht anders geht. Schließlich haben Sie den Schaden ja auch angerichtet.“ Frau Falte schnaufte empört.

„Vor ihnen ist sonst wohl noch keiner auf die Knie gegangen, was? Sonst wären Sie nicht so versessen darauf, dass ein alter Mann wie ich das jetzt macht. Aber gut, sei`s drum.“ Mit einem lauten Knacken seiner Kniegelenke ließ er sich vor Frau Falte auf die Knie nieder. Eifrig wedelte er vor ihr auf dem Boden rum. Wobei er penibel darauf achtete, den Handfeger mit aller Kraft in den Schnee zu pressen. Am Ende seiner Bemühungen war eine spiegelglatte Schneefläche entstanden.

Während er aufstand, begutachtete er sein Werk zufrieden.

„Hier bitte sehr. Ein ordentlicher Gehweg und das erste Mal in ihrem Leben hat ein Mann vor Ihnen gekniet. Muss ja ein schöner Tag für Sie sein, oder?“

„Sie Rüpel! Warten Sie nur. Wenn Sie noch einmal hier parken, dann wird ihnen mein Waldi schon zeigen, was er von Unmenschen wie Ihnen hält!“ Schimpfend und grummelnd setzte sich Frau Falte samt Waldi in Bewegung.

Grinsend umrundete Opa Fritz sein Auto, öffnete die Tür und – wartete.

Flutsch! Mit einer eleganten Halbdrehung landete Frau Falte mitsamt ihrer Würde und Waldi auf dem Allerwertesten. Schwer zu sagen, wer dabei dümmer aus der Wäsche schaute, der Hund oder das Frauchen.

Lachend und winkend fuhr Opa Fritz von dannen.

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