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Einmal Teilzeit und zurück

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat Anfang des Jahres einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Möglichkeit eröffnen soll, von einer Teilzeitbeschäftigung wieder zurück zum Vollzeitmodell zu wechseln. Bislang besteht diese Möglichkeit lediglich in die eine Richtung. Heißt, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können zwar Teilzeit beantragen und diesem Antrag ist auch zu entsprechen, sofern dringende betriebliche Erfordernisse dem nicht entgegenstehen. Eine Rückkehr in die Vollzeitbeschäftigung ist jedoch nicht garantiert.

Da besonders viele Frauen einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, verspricht sich Andrea Nahles von diesem Modell eine Verbesserung der Arbeitssituation vor allem für weibliche Beschäftigte.  Der Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung wollte und will auch genau dies erreichen: nämlich eine freie Einteilung der Arbeitszeit, mehr Selbstbestimmung und mehr Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Edle Ziele, unbestritten. Die Frage ist nur, ob der Weg hin zu mehr Selbstbestimmung und zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf (neudeutsch auch Work-Life-Balance genannt) tatsächlich über eine Veränderung des Teilzeit- und Befristungsgesetz führt.

Das Vorhaben, die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse zu verringern, ist richtig und wichtig. Und solange das Arbeitszeitmodell in Deutschland so ist, wie es ist, führt der Weg dahin auch nur über eine Vollzeitbeschäftigung in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis. Allerdings wird genau damit das Kernziel des Koalitionsvertrages unterhöhlt und pervertiert. Wer 40 und mehr Stunden in der Woche arbeiten muss, um sich und seine Familie zu ernähren und um eine angemessene Altersabsicherung zu erwirtschaften, der hat gar keine Zeit dazu, Familie und Beruf zu vereinbaren. Die Zeit, die neben dem Beruf noch übrigbleibt, muss dann dazu genutzt werden, die Kinder aus der Betreuungseinrichtung abzuholen oder hinzubringen, die Alten im Pflegeheim zu besuchen, Lebensmittel einzukaufen, eine zusätzliche Riesterrente abzuschließen, den Haushalt zu versorgen und zu schlafen. Viel mehr bleibt nicht mehr.

Denn mal ehrlich, wir reden hier nicht von der Syndikus Anwältin, die nach der Babypause wieder voll einsteigen will, um den Anschluss nicht zu verlieren, nein. Wir reden hier von der Bankangestellten, der Versicherungskauffrau, der Sachbearbeiterin usw. Wir reden vom sogenannten Mittelstand, den es schon lange nicht mehr gibt. Und es ist richtig, solange unser Gesellschafts-, unser Renten- und unser Steuersystem immer noch auf das Vollverdienermodell ausgelegt ist, solange muss jeder und jede über eine Vollzeitbeschäftigung dankbar sein, da sich weder das aktuelle Leben, noch der künftige Ruhestand sonst finanzieren ließe.

Aber muss das so sein? Wäre es nicht erstrebenswert die Arbeitswelt dahingehend zu ändern, dass eine 30-Stunden Tätigkeit ausreichend ist, um nicht nur sein Brot, sondern auch noch die Butter darauf zu verdienen. Und obendrein noch eine Rente zu erwirtschaften, die zum Leben reicht?  Schweden wagt dieses Experiment schon seit längerem. In Göteborg haben Kommunale Angestellte im Gesundheitswesen, aber auch einige privaten Unternehmen die Arbeitszeit auf 6 Stunden am Tag beziehungsweise 30 Stunden pro Woche reduziert. Auch in einem schwedischen Altenheim wurde getestet, ob die Umstellung hin zu diesem Modell funktionieren kann. Das Projekt war auf zwei Jahre angelegt. Ende 2016 ist es ausgelaufen und wird nun ausgewertet. Erste Befragungen zeigen, laut Süddeutscher Zeitung allerdings, dass das Experiment, zumindest von Seiten der Mitarbeiter, geglückt ist. Entspannter und ausgeschlafener, seien sie und auch für andere Dinge, wie Familie und Hobbys bliebe mehr Zeit.

Bleibt nun abzuwarten, ob das schwedische Experiment auch bei uns Schule machen wird. Und irgendwann müssen wir dann vielleicht nicht mehr über die Frage diskutieren, ob es ein Recht auf die Rückkehr von der Teilzeit geben muss, um prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu beenden. Ganz einfach deswegen, weil es dann keine prekären Beschäftigungen mehr gibt.

 

 

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