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Liebevoll Grenzen setzen

Als ich heute Morgen meinen jüngsten Sohn in die KiTa brachte, lag auf seinem Garderobenplatz ein Buch mit dem Titel Liebevoll Grenzen setzen: Durch Liebe und Konsequenz zur Selbstständigkeit erziehen. Nun ist mein Jüngster gerade 15 Monate alt geworden und von der Selbstständigkeit noch meilenweit entfernt. Auch mein Großer ist mit seinen 15 Jahren zwar schon ein paar Schritte weiter, aber auch er würde wahrscheinlich nach spätestens zwei Wochen Elternurlaub nur noch schmutzige Kleidung zum Anziehen haben (nicht, dass ihn das stören würde). Von Selbstständigkeit also keine Spur…

Beim morgendlichen Tür- und Angelgespräch erkundigte ich mich also, ob das Buch als sanfter Hinweis zu verstehen sei? Vielleicht schikaniert der Krümel ja die anderen Kinder, kaum, dass ich aus der Tür raus war? Aber die KiTa-Mädels (der einzige KiTa-Mann ist leider unten bei den größeren Kindergarten-Kindern) versicherten mir lachend, dass dem nicht so sei. Eine andere Mama würde das Buch lesen, wenn sie während der Eingewöhnung mit in der Gruppe sei und sie hätte das Buch wohl versehentlich bei uns reingelegt.

Das muss ich den Nicht-Eltern vielleicht kurz erklären: In den meisten Krippen und Kindergärten wird inzwischen nach dem sogenannten „Berliner Modell“ verfahren. Dabei erfolgt die Eingewöhnung der Kinder in die KiTa schrittweise. Zuerst sind sie mit der Mama (oder Papa – aber die armen Männer werden dann immer ganz seltsam angeguckt) gemeinsam in der Gruppe, schauen sich alles an und gewöhnen sich an die Erzieherinnen und die anderen Kinder. Die Mama ist dabei noch aktiv, erklärt und spielt mit. In der nächsten Stufe ist die Mama zwar noch mit in der Gruppe, verhält sich aber passiv – ist also der ruhende Fels in der Brandung, zu dem sich das Kind zur Not zurückziehen kann – sie greift aber nicht mehr aktiv ein. Im nächsten Schritt zieht sich die Mama für einen begrenzten Zeitraum zurück und verlässt die Gruppe. Dieser Zeitraum wird immer weiter ausgedehnt, bis sich das Kind so sicher in der Gruppe fühlt, dass es ohne Mama dableiben kann. Dabei gibt das Kind das Tempo vor und bei Bedarf werden einzelne Stufen wiederholt.

In dieser passiven Phase befand sich die lesende Mit-Mama nun also. Ein Buch lesen ist dabei nicht die schlechteste Lösung, da es ansonsten schnell langweilig werden kann, wenn man umgeben von Kindern auf dem Boden sitzen und möglichst unauffällig mit der Wand verschmelzen soll. Nachdem das also geklärt war, konnte ich den Krümel also getrost bei den anderen Kindern lassen, ohne befürchten zu müssen, dass er den anderen auf die Pelle rückt. Beim Verlassen der KiTa ging mir die Situation allerdings nicht mehr aus dem Kopf.

Kinder brauchen Grenzen – klar. Unsere ganze Gesellschaft braucht Grenzen und Regeln, damit ein Zusammenleben überhaupt funktionieren kann – auch klar soweit. Die Frage ist aber doch, ob sich die heutigen Eltern in ihrer Rolle als Mama oder Papa so wenig zurechtfinden, dass ein ganzer Ratgebermarkt hervorragend davon leben kann. Ich war ja schon froh, dass es sich bei dem Buch, das ich gefunden hatte, nicht um ein Werk des Pädagogen-Rockstars Jesper Juul handelte.

Kennen Sie nicht? Dann wohnen Sie auf keinen Fall am Prenzlauer Berg. Kennen Sie auch nicht? Dann haben Sie keine Kinder. Als Crashkurs empfehle ich ihnen folgende Lektüre: Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter: Von Edel-Eltern und ihren Bestimmerkindern. Wenn Sie das gelesen haben, wissen Sie alles über den Prenzlauer Berg und die Probleme der heutigen Generation Eltern, was Sie wissen müssen.

 

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