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Das Marmeladenglasdilemma

Jeder, der von einem Angestelltenverhältnis in die Freiberuflichkeit wechselt, weiß, dass es etwas ganz und gar anderes ist, nur noch für sich selbst und die eigenen Aufträge zu arbeiten. Klar – es gibt auch als Freie den ein oder anderen Auftrag, den man in der Rückschau lieber nicht angenommen hätte. Aber aus solchen Erfahrungen lernt man. Und hin und wieder, meistens dann, wenn man sich um Abrechnungen, den Steuerberater oder Akquise kümmern muss, flucht man auch mal leise vor sich hin und wünscht sich kurz zurück in ein geregeltes Angestelltenverhältnis. Aber auch wenn ich das hin und wieder vermisse, so gibt es doch (mindestens) eine Sache, auf die ich ganz und gar verzichten kann: die wöchentlichen Teamsitzungen. Denn, mal ehrlich, mit Team hat so etwas meistens wenig zu tun. Vielmehr verfallen die MitarbeiterInnen in einen mehr oder weniger angenehmen Halbschlaf, während die Vorgesetzten das machen, was sie meistens am Besten können: von sich selbst sprechen. Und rückt doch einmal ein anderes Detail in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit, so wird daraus meist ein unfreiwillig komischer Selbstläufer. In etwa so:

Montag Morgen. Teambesprechung. Ort des Geschehens: Ein Besprechungszimmer, das an eine Küche angrenzt.

Teilnehmer: Chef, Ausbilder, Hausmeister, Vorzimmerdame, Techniker, Strategischer Manager und Bufdi.

Vor der Besprechung will der Chef eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank holen. Dabei wurde ein besonders schwerwiegender Verstoß gegen Ordnung und Sauberkeit festgestellt.

Chef (C): „Da stehen alte Marmeladengläser im Kühlschrank. Wem gehören die denn?“

Strategischer Manager (SM): „Die stehen da noch vom letzten Weißwurst-Frühstück.“

C: „Wer braucht denn Marmelade zum Weißwurst-Frühstück?“

SM: „Manche nehmen Marmelade auf die Breze.“

Ausbilder (A): „Wer macht denn so was? Das ist ja pervers. Normale Menschen nehmen Butter und gut ist.“

Hausmeister (H): „Das kann ja nur vom SM kommen. Der hat ja noch nie irgendwas normal gemacht.“

C: „Also gehören die Gläser dem SM?“

SM: „Ich hab die mitgebracht, aber die sind für alle da.“

C: „Die haben Schimmel angesetzt, die will jetzt keiner mehr.“

Techniker (T): „Aber den Schimmel kann man doch noch abkratzen.“

Vorzimmerdame (VZD): „Iiiiih. Das kannst du doch nicht machen. Da sind ja Keime und Sporen dran. Wenn du die einatmest, dann kannst du Asthma kriegen.“

C: „Also sollten wir die weg schmeißen. B, du entsorgst die nach der Besprechung.“

Bufdi (B): „OK.“

H: „Aber wo will er die denn entsorgen? In den normalen Hausmüll kann er ja keine Gläser reinwerfen.“

C: „Dann soll er die eben in den Altglascontainer werfen. B, du wirfst sie nachher in den Altglascontainer.“

B: „Ok.“

H: „Aber da kann er die ja gar nicht reinwerfen, solange noch Marmelade drin ist.“

C: „Dann muss er die Marmelade eben rauskratzen.“

VZD: „Aber dann atmet er doch den Schimmel und die Sporen mit ein.“

H: „Ich glaube, das ist gar nicht zulässig, was den Arbeitsschutz anbelangt. Er muss da mindestens einen Mundschutz tragen…“

…oder doch lieber recyceln?

C: „Ich glaube, wir haben im Keller noch alte Gasmasken.“

H: „Ja, da sind noch welche. Sogar in rauen Mengen.“

C: „Dann kann er ja eine von denen nehmen. H, du holst ihm nachher eine aus dem Keller hoch.“

H: „Kann ich machen.“

C: „Gut. B, dann setzt du dir nachher die Maske auf, entsorgst die Marmelade in den normalen Müll und die Gläser im Altglas.“

B: „Ok.“

H: „Ein Problem noch…“

VZD: „Ja, genau. Die Marmelade muss in den Biomüll, nicht in den Hausmüll.“

C: „Oh ja, richtig. Danke, VZD, du denkst immer so gut mit. Also B, dann die Marmelade in den Biomüll, die Gläser in den Altglascontainer und immer schön die Maske tragen.“

B: „Ok.“

H: „Das mit dem Biomüll stimmt zwar, aber er kann keine Maske tragen.“

VZD: „Ja, genau. Er trägt ja einen Brille. Dann sieht er ja gar nicht, ob er die Marmelade schon aus den Gläsern rausbekommen hat.“

H: „Nein, das ist es nicht. Er kann die Masken nicht benutzen.“

C: „Warum nicht? Ich dachte, wir haben genügend im Keller?“

H: „Haben wir auch. Aber da sind die Filter kaputt.“

C: „Kann man da nicht neue Filter einbauen?“

H: „Könnte man schon.“

C: „Also, dann kaufst du einen neuen Filter, richtest eine Gasmaske her und der B entsorgt die Marmeladengläser.“

T: „Da kostet ein Filter aber so viel wie eine neue Maske.“

A: „Vielleicht kann man die Maske auch ohne Filter benutzen?“

H: „Kann man schon.“

C: „Dann soll der B die Maske…“

H: „Kann man schon. Aber dann erstickt er halt.“

T: „Dann sollten wir die Masken also am Besten aussondern, wenn wir sie nicht benutzen können und die Filter so viel kosten wie neue Masken.“

C: „Nein. Lieber nicht. Wir behalten sie mal. Was man hat, das hat man und wer weiß, wann man die nochmal brauchen kann.“

A: „Stimmt. Wenn der nächste Krieg ausbricht, dann setzen wir uns einfach die Masken auf und das Problem hat sich erledigt….“

C: „Du musst das Ganze nicht gleich wieder ins Lächerliche ziehen.“

VZD: „ Ja, genau. Wir versuchen gerade eine Lösung zu finden, wie der B die Marmelade entsorgen kann, ohne die Sporen einzuatmen.“

SM: „Und wenn wir sie einfach gefüllt ins Altglas werfen?“

H: „Das kannst du nicht  machen. Das muss getrennt werden.“

VZD: „Aber die Sporen?“

C: „Wir haben doch noch Gasmasken im Keller….“

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