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Ein durchschnittliches Leben

Der Frage nach dem Durchschnitt auf den Grund zu kommen, ist eine der Hauptaufgaben des statistischen Bundesamtes. Unsere Durchschnittsfamilie besteht demnach[1] auch heute noch aus einem Mann und einer Frau, die miteinander verheiratet sind. Der Mann ist älter als die Frau und gemeinsam betreuen sie 1,6 minderjährige Kinder. Beide sind berufstätig und sie haben ein gemeinschaftliches monatliches Nettoeinkommen zwischen 2600 € und 4500 €. Die Frau arbeitet Teilzeit und der Mann Vollzeit. Für unsere Durchschnittsfamilie nehmen wir außerdem an, dass beide im öffentlichen Dienst beschäftigt sind. Sie arbeitet im Standesamt und er ist Führungskraft bei der Bundesagentur für Arbeit. Aus den durchschnittlich 1,6 Kindern machen wir runde zwei. Ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen ist in der vierten Klasse Grundschule und der Junge im letzten Kindergartenjahr. Die Geschwister heißen Lena und Max, die Eltern Julia und Christian, mit Nachnamen Müller. Julia und Christian sind 36 und 39 Jahre alt, die Kinder sind neun und fünf und unsere Familie lebt in einer Wohnung zur Miete in einer mittelgroßen Stadt in Bayern.

Spielen wir also für einen Moment Mäuschen und begleiten unsere Familie Müller auf dem Weg durch einen ganz normalen Tag.

06:04 Uhr: Der Wecker klingelt das erste Mal und Julia steht auf. Christian dreht sich noch einmal um und wartet auf den zweiten Alarm, um Julia einen Vorsprung im Bad zu lassen.

Julia putzt sich inzwischen noch halb verschlafen die Zähne und stellt mit einem Blick auf ihre Frisur fest, dass sie eigentlich noch die Haare waschen sollte. Das war allerdings nicht eingeplant. Deswegen muss sie sich jetzt entscheiden, ob sie lieber versuchen soll, mit Trockenshampoo und Haarspangen zu retten, was zu retten ist oder doch noch schnell die Haare zu waschen, dann allerdings keine Zeit mehr zum föhnen zu haben und obendrein auch noch sich das Bad mit Christian teilen zu müssen. Sie entscheidet sich für das kleinere Übel und hübscht ihre Haare auf, so gut es eben geht. Lieber so, als auch noch mit feuchten Haaren vom Kindergarten zur Schule und dann zur Arbeit hetzen zu müssen. Und schon klopft Christian von außen an die Tür.

 „Brauchst du noch lang?“

„Nein, bin schon fertig“, ruft Julia und huscht aus dem Bad. Im Vorbeigehen gibt sie ihrem Mann noch einen flüchtigen Guten-Morgen-Kuss.

06:27 Uhr: Christian ist eben aus dem Bad gekommen und macht sich daran die Kinder zu wecken, während Julia noch eben den Frühstückstisch zu Ende deckt.

06:45 Uhr: Max und Lena rühren lustlos in ihren Cornflakes rum. Ihnen ist das morgens immer alles zu früh und zu laut. Und überhaupt zu hell ist es auch. „Jetzt esst schon, ihr habt keine Zeit zu trödeln. Sonst kommt ihr nachher noch zu spät“, drängelt Christian, während er und Julia die Pausenbrote für die Kinder und sich fertigmachen. Nebenher beißen beide hastig in ihren eigenen Morgentoast.

07:00 Uhr: Die Kinder putzen sich unter Julias Aufsicht im Bad die Zähne, während Christian den Esstisch abräumt, die Spülmaschine anschmeißt und die Pausenbrote in die jeweils richtigen Taschen steckt.

07:05 Uhr: „Tschüss, ihr drei. Ich geh jetzt. Bis heute Abend.“ Christian verabschiedet sich und nimmt auf dem Weg nach draußen noch den vollen Müllbeutel mit.

07:25 Uhr: Jetzt wird es langsam eng. Wie jeden Morgen. Die Kinder sind endlich angezogen, Julia greift nach dem Autoschlüssel und gemeinsam verlassen sie ihr Zuhause. Zuerst wird Lena an der Schule abgesetzt, danach bringt Julia Max in den Kindergarten. Die Erzieherin kommt ihr schon entgegen und will sie in ein Tür-und-Angel-Gespräch verwickeln. Aber dafür hat Julia heute keine Zeit. Aber für die anstehende Weihnachtsfeier macht sie natürlich gerne einen Kuchen. Ach? Kuchen machen schon so viele? Dann einen Salat? Auch schon bestens versorgt? Dann vielleicht…Nein, Nein, kein Problem. Sie kann gerne die Deko übernehmen. Ja, Ja sie besorgt die Sachen und kümmert sich dann um alles. Kein Problem.

07:30 Uhr: Christian kommt ins Büro. Noch bevor er sich einloggen kann, klingelt sein Telefon. Ob er wisse, wie sich der neue Gesetzesentwurf auf ihre Arbeit auswirken könne? Nein, denn er weiß im Moment auch gar nicht, um welchen Entwurf es sich handelt. Sein Vorgesetzter teilt ihm mit, dass er schon ein gewisses Engagement von ihm erwarte. Zumindest die aktuellen Entwicklungen könne er ja wohl verfolgen. Das sei ja schließlich nicht zu viel verlangt. Seufzend legt Christian den Hörer auf. Loggt sich ein und fragt seinen Kollegen, um welchen Entwurf es denn eigentlich ginge. Der lacht und erklärt ihm, dass es sich um die gleiche Sache handle, wie letzte Woche. Eine Sache, die noch nicht einmal genehmigt wurde, aber den Geschäftsführer jetzt schon mehr beschäftigt, als alle Tagesgeschäfte zusammen.

07:50 Uhr: Fluchend kramt Julia in ihrer Handtasche nach ihrem Personalchip. Ohne den kommt sie noch nicht mal in die Gemeindeverwaltung hinein. Da! Unter der Tempopackung liegt er. Die Plastiköse, an der sie den Chip am Schlüsselbund befestigt hatte, ist abgebrochen. Wahrscheinlich, als Max mit ihrem Schlüssel gespielt hat. Sei`s drum. Immerhin ist das blöde Ding wieder überhaupt aufgetaucht.

Verabschieden wir uns für den Moment von unserer Familie Müller und wünschen ihnen, dass der Tag besser verläuft, als er angefangen hat. Aber keine Angst, wir werden immer wieder einen Blick auf unsere kleine Durchschnittsfamilie werfen.

 

[1] Quelle: Statistisches Bundesamt. Statistisches Jahrbuch 2016.

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