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Berg Fidel

In der bayerischen Bildungslandschaft wird derzeit mit erbitterter Verbissenheit um das Wohl der Kinder im Freistaat gestritten. Der Kern der Diskussion dreht sich um die drängende Frage, ob G8 oder G9 die Kinder zum wahren Glück führen soll.

Es bilden sich Elternverbände, Protestgemeinschaften, Diskussionsgruppen und Unterschriftensammlungen, um den armen, bildungsgeplagten Kindern wieder einen Zugang zum leichteren G9 zu ermöglichen. Grundsätzlich bin auch ich ein Freund der längeren Schulzeit. Allerdings nicht, weil ich finde, dass es die Kinder so leichter haben. Vielmehr bin ich der Meinung, dass bei einer längeren Schulzeit auch wieder etwas mehr Allgemeinbildung hängen bleibt und die Kinder nicht länger mit Schul-Scheuklappen durch das Leben oder an die Unis laufen. Es soll ja sogar (Helikopter-)Eltern geben, die ihren Kindern noch bei der Immatrikulation das Händchen halten.

So oder so dreht es sich bei dieser ganzen G8/G9 Diskussion um eine sehr elitäre Auseinandersetzung. Die armen, geschundenen Kinder, um die es hier geht, haben ihren Weg ins Gymnasium und damit ihren Platz in der Oberklasse gefunden, um in der in Bayern noch immer (zumindest in der Bildungslandschaft) vorherrschenden Denkweise zu sprechen. Denn anders, als mit einem weiterhin vorherrschenden Klassendenken, ist das dreigliedrige oder dreiklassige Schulsystem in Bayern, nicht zu rechtfertigen.

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, ist Bayern sogar viertklassig. Denn, neben den drei sogenannten Regelschulen, darf man die Sonder- bzw. Förderschule nicht vergessen. Hier landen Kinder mit erhöhten Lern- oder Förderbedarf. Das ist insofern erstaunlich, als dass das BayEUG (Bayerisches Gesetz über das Erziehung- und Unterrichtswesen) in Artikel 2 Absatz 2 ganz klar bestimmt: “Inklusive Unterricht ist Aufgabe aller Schulen”. Verwunderlich. Wie kommt es dann, dass auf dem Gymnasium, das mein Sohn besucht, KEIN EINZIGES KIND mit Handicap zu finden ist. Nichts. Nirgends. De Nada. Und schon findet man das passende Schlupfloch im BayEUG. Nach Artikel 19 Abs. 1 ist es “Aufgabe der Förderschulen […] Kinder und Jugendliche, […], die der sonderpädagogischen Förderung bedürfen und DESWEGEN an einer allgemeinen Schule […] nicht oder nicht ausreichend gefördert und unterrichtet werden können [zu erziehen]”.

Aha. Nun wissen wir also, dass es Kinder gibt, die einen erhöhten Förderbedarf haben, der in einer allgemeinen Schule, die ja den klaren Auftrag eines inklusiven Unterrichts hat, nicht ausreichend gedeckt werden kann. Was das über die Qualität der allgemeinen Schulen aussagt, sei einmal dahingestellt. Sofern ein erhöhter Förderbedarf festgestellt wurde, steht es den Eltern allerdings weiterhin frei, ihr Kind auf einer allgemeinen Schule anzumelden. Zumindest auf dem Papier. Denn der Besuch einer allgemeinen Schule setzt voraus, dass das Kind hier hinreichend gefördert und in seiner Entwicklung nicht gefährdet wird oder die “Rechte von Mitgliedern der Schulgemeinschaft“ nicht erheblich beeinträchtigt werden.

So, das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Ein Kind mit Handicap darf durch seinen Förderbedarf die anderen Mitglieder der Schulgemeinschaft nicht erheblich beeinträchtigen. Ein Kind also, dass aufgrund einer Laune der Natur oder wegen eines Unfalls selbst in seiner Lebensführung erheblich beeinträchtigt ist, darf aber Bitteschön nicht auch noch den geregelten Schulbetrieb stören. Wo kämen wir denn da auch hin?

So bitter und ungerecht es auch klingt, aber es sind genau diese Bildungseliten, die sich oft genug quer stellen, wenn ein Kind mit Behinderung auf die gleiche Schule gehen soll, auf der auch die hoffnungsvolle Lena-Sophie oder der aufstrebende Mattes-Emanuel unterrichtet wird. Inklusion? Ja, gerne. Aber bitte woanders.

Dass es auch anders geht, zeigt der einfühlsame Film Berg Fidel – Eine Schule für Alle

Hella Wenders begleitete über drei Jahre hinweg das Leben von vier Kindern an der Grundschule Berg Fidel in Münster. Hier lernen alle Kinder während ihrer gesamten Grundschulzeit gemeinsam. Egal ob mit oder ohne Handicap. Ob mit Migrationshintergrund oder ohne. Ob Überflieger oder Traumtänzer.

Dabei kommen ausschließlich die Kinder zu Wort. Und der Film verzichtet bewusst darauf, bis auf einige wenige eingeblendete Zwischentitel, belehrend einzugreifen. Die Kinder sind selbsterklärend und zeigen ihr Leben authentisch und unaufgeregt. Das Leben an der Berg Fidel Schule ist auf wunderbare Weise anders. Ist es doch eine Schule für alle. Die vier Kinder, die begleitet werden, sind charmant, liebenswert und nach dem Willen des BayEUG eigentlich ein Fall für die Förderschule.

Der liebenswerte Lucas, der sich am liebsten mit seinen Spielzeugautos beschäftigt und für den die Pause das Schönste an der Schule ist, kämpft immer wieder mit seiner Legasthenie und braucht einfach ein bisschen mehr Zeit als die anderen.

Jakob und David sind Brüder, die beide mit einem Syndrom leben müssen. David hat das Stickler- und Jakob das Down-Syndrom. Jakob kann sich aufgrund seiner Beeinträchtigung nur sehr schwer verständigen, da er sehr undeutlich spricht. Wunderbarerweise verstehen ihn seine Mitschüler jedoch alle und springen oft genug als Dolmetscher für ihn ein.

Anita ist mit ihrer Familie aus dem Kosovo geflohen und sticht aus der Masse ihrer Mitschüler schon allein aufgrund ihrer Körpergröße hervor. Die neue Sprache fällt ihr noch sichtlich schwer. Umso mehr, als sie sich zuhause um ihre kleineren Geschwister kümmern muss und über der ganzen Familie die Angst vor der drohenden Abschiebung schwebt.

Jedes der vier Kinder ist auf seine Art etwas ganz Besonderes. So, wie jedes Kind etwas ganz Besonderes ist. Sie lachen und streiten mit ihren Mitschülern, sind mal genervt, mal begeistert, mal neugierig, mal gelangweilt – das ganz normale Leben eben. Am Ende des Films wird noch erzählt, wie es mit den Kindern nach der Grundschulzeit weitergeht. Lucas schafft den Sprung auf die Realschule. Anita und Jakob finden sich in einer Förderschule wieder.

Und David? David, der kluge und wissbegierige Junge, der Fragen stellt, die nicht so leicht zu beantworten sind. Den die Aufgaben in der Schule manchmal langweilen, weil er sie zu einfach findet. Der mit seinem Vater vierhändig Klavier spielt und sich an der Trompete versucht. Der Junge, der sich im Klassenrat souverän durchsetzt und auch seine kleinen und großen Krisen meistert. Der Junge, der den Film mit einer selbstgeschriebenen Geschichte beginnt und Astronom werden möchte? Der neun Einsen und vier Zweien in seinem Zeugnis hatte, um auch das noch zu erwähnen. Ein Junge also, der klug, wissbegierig und lerneifrig ist und lediglich aufgrund des Stickler-Syndroms in seiner Hör- und Sehleistung beeinträchtigt ist. Was also ist mit David?

David wird von mehreren Gymnasien in der Umgebung abgelehnt, da sie sich dem erhöhten Förderbedarf nicht gewachsen sahen. Der Film endet mit der Feststellung, dass David im Anschluss eine Montessori-Schule besuchen will, um dort sein Abitur zu machen.

Berg Fidel ist ein ruhiger Film. Ein leiser Film. Umso mehr ist man gezwungen zuzuhören und das Gesagte auf sich wirken zu lassen. G8 oder G9? Liebe bayerische Eltern: Das ist völlig irrelevant. Ob die bayerische Bildungselite nach acht oder neun Jahren ihr Abitur mit oder ohne elterliche Hilfe schafft, ist wahrhaftig nicht wichtig.

Kindern wie David und Jakob und Anita und Lukas die Möglichkeit zu geben, miteinander und voneinander zu lernen. Der eine Schneller, der andere Langsamer, der eine Früher, der andere Später – das und nur das ist die einzig wirklich relevante Bildungsfrage, die uns alle umtreiben sollte.

Eine Schule für alle. Eine Schule, die allen Kindern offensteht. Die gemeinsames Lernen bis zum Schluss ermöglicht. In der die Kinder zwölf Jahre lang voneinander lernen können und in der nicht bereits nach vier Jahren die erste Deklassierung stattfindet.

In der die Kinder lernen können, was es heißt, tolerant und offen miteinander umzugehen. In der sie lernen, dass es Unterschiede gibt und dass jeder auf seine Art anders und besonders ist. In der Grenzen überwunden und neue Freiheiten gewonnen werden. Eine Schule, die keinen Platz für Klassenbewusstsein und Straßenkämpfe lässt.

Wenn Barrieren schon bei den Kindern überwunden werden, dann bleibt auch kein Platz mehr für das Elitedenken der Populisten. Wer seinen Kindern die besten Chancen im Leben ermöglichen will, der sollte dafür kämpfen, dass allen Kindern diese Chancen offenstehen.

Eine Schule für Alle – und Chancen für jeden. Dafür sollten alle Eltern kämpfen. Nicht nur in Bayern.

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