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Warum Komfortzonen Gefahrenzonen sind Teil 1

Und? Haben Sie sich wiedererkannt? Ganz oder in Teilen? Erschreckend, nicht wahr? Da leben wir in einer Zeit voller Individualisten, betonen Tag für Tag unsere Einzigartigkeit und sind am Ende doch alle gleich. Julia und Christian befinden sich bereits vor dem Frühstück in einem Hamsterrad, in das sie sich selbst hineinmanövriert haben. Das Gemeine daran ist, dass sie das weder geplant, noch beabsichtigt, noch gewollt haben.

Erinnern Sie sich doch einmal zurück an ihre eigene Kindheit. Was wollten Sie damals werden? Feuerwehrfrau? Polizist? Ritterin? Prinz? Tierarzt? Pilotin? Diese Wünsche und Ideale sind eigentlich austauschbar, denn egal, was Sie sich damals vorgestellt hatten, eines wollten Sie auf keinen Fall: ein gewöhnliches Leben führen. Kinder wollen die Welt erobern, entdecken und retten. Sie wollen nach den Sternen greifen und unbekannte Welten erforschen. Glücklicherweise genügt kleinen Kindern schon die Entdeckung eines winzigen Ameisenhaufens hinter dem Fahrradständer, um ihren Forscherdrang zu befriedigen. Aber irgendwann ist aus den meisten kleinen Forschern und Entdeckerinnen ein gelehriger kleiner Schüler oder eine brave Schülerin geworden, der oder die folgsam den Anweisungen der Erwachsenen gehorcht, um nur ja nicht aus der Masse rauszufallen. Denn spätestens in der Schule ist eigenständiges und kreatives Denken nicht mehr gewünscht.

Den Lehrerinnen und Lehrern an deutschen Regelschulen ist dabei nicht einmal ein Vorwurf zu machen. Wer über 20 Kinder – meistens alleine – zu beaufsichtigen hat, handelt nicht aus böser Absicht, wenn er (oder sie) Wert darauflegt, dass die Kinder alle zur gleichen Zeit das Gleiche machen, sondern aus purer Notwehr. Die meisten von uns haben das auch schon selbst erlebt. Spätestens dann, wenn am Kindergeburtstag 12 Kindergartenkinder durch das Haus toben und man eigentlich 20 Augen und 30 Hände gleichzeitig haben müsste, um dem Chaos Herr zu werden, verspricht man sich selbst im Stillen, dass nächstes Mal alles anders wird. Das wird es meistens auch. Beim nächsten Geburtstag werden die Kinder dann nämlich zum Indoor-Spielplatz, ins Erlebnisbad oder zum Kletterwald gekarrt, wo sie sich unter der Aufsicht von mehreren professionellen Animateuren in einem vorgegebenen Rahmen vergnügen sollen. Lieber ein paar Euro mehr ausgeben und dafür kein Chaos in der eigenen Wohnung haben.

So verständlich dieses Vorgehen ist, so unnötig ist es aber auch. Kinder brauchen keine Animateure, um die Welt zu entdecken. Ihnen reichen meistens schon einige alte Kartons und ein paar Küchenutensilien und schon haben sie das Sofa zu einem Piratenschiff umfunktioniert und erobern sich ihre Welt. Das ist für die Erwachsenen anstrengender, aber mit einer guten Vorbereitung auch machbar. Räumen Sie das Wohnzimmer leer (zumindest die Sachen, die nicht kaputtgehen sollen. Ungeliebte Schwiegermuttergeschenke können Sie dagegen problemlos in der Gefahrenzone „vergessen“) und bitten Sie –je nach Anzahl der Kinder- ein oder zwei andere Eltern darum, Ihnen bei der Beaufsichtigung der Meute zu helfen. Und dann: Lassen Sie Ihre Kinder in Ruhe! Greifen Sie nur dann ein, wenn es wirklich gefährlich wird.

Erstaunlicherweise werden Sie eines feststellen: die Kinder kommen wunderbar zurecht. Kleinere Streitereien werden gruppendynamisch gelöst und auch wenn mal was zu Bruch geht, werden die Kleinen in aller Regel versuchen, den Schaden wieder gut zu machen. Und größeren Unglücken haben Sie ja durch die Wegräumaktion schon vorgebeugt. Kinder brauchen keine Helikopter, die ständig über Ihnen schweben. Im Gegenteil. Kinder wachsen an den Herausforderungen, die sie selbst meistern können und dürfen. Klar geht es schneller und aus Erwachsenensicht auch effektiver, wenn die Eltern zeigen wie es geht. Aber was lernen Kinder denn daraus? Sie lernen nicht: „Hey, super, das habe ich ganz alleine hinbekommen. Ich kann was bewirken. Wenn ich was will, dann schaff ich das auch!“

 Nein. Alles, was die Kinder dann lernen ist: „Ich muss es genauso machen, wie ein Erwachsener es sagt. Anders ist falsch. Und alleine sollte ich überhaupt nichts ausprobieren, das funktioniert ja sowieso nicht. Lieber lasse ich meinen Papa/meine Mama/ die Lehrer etwas vormachen, dann mache ich es nach. Oder am besten mache ich gar nichts und warte, bis ein anderer es macht.“

Den Kindern wird von klein auf beigebracht, dass nur das richtig ist, was andere für richtig erachten. Jede Kreativität und jede Abweichung von der Norm wird im Keim erstickt. Und was haben wir davon? Eine Gesellschaft von Ja-Sagern, die mit der Masse schwimmen. Nicht umsonst sind es die Populisten, die in unserer Zeit den größten Zulauf haben. Denn sie bieten vermeintlich einfache Antworten auf die schwierigen Fragen unserer Zeit. „Du weißt nicht, was du mit deinem Leben anfangen sollst? Kein Problem – folge mir einfach und ich zeige dir den Weg.“ Das ist einfach. Einfach und gefährlich. Denn nur wer gelernt hat, sich selbst zu vertrauen und erlebt hat, aus sich selbst wirksam zu sein, nur der weiß auch, dass es sich lohnt unbequeme Fragen zu stellen und eigene Wege zu gehen.

 

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