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Warum Komfortzonen Gefahrenzonen sind Teil 2

Aber warum neigen die Menschen dazu, den einfachen Weg zu gehen? Warum folgen sie lieber einem Leithammel, als sich selbst eine Richtung zu geben? Anders ausgedrückt: warum bleiben Menschen lieber in ihrer Komfortzone, anstatt nach draußen zu gehen und sich die Welt zu erobern?

08:39 Uhr: Christian versucht aus der E-Mail-Flut schlau zu werden, die der Geschäftsführer scheinbar ohne System auf seine Mitarbeiter niedergehen lässt. Als Führungskraft hat er nur selten Kundenkontakt. Eigentlich findet er das schade. Das war es ja eigentlich, was ihm immer so viel Spaß gemacht hatte. Die Arbeit mit Menschen und das Gefühl, zumindest hin und wieder, etwas bewirken zu können. Aber inzwischen bestehen seine Tage daraus, zwischen E-Mails und Rundschreiben von Besprechung zu Besprechung und von Schulung zu Schulung zu eilen, und dabei ein möglichst schlaues Gesicht zu machen. Worum es in den einzelnen Besprechungen eigentlich geht, erfährt er meist erst, wenn die Sitzung schon läuft. Und manchmal nicht einmal dann.

09:50 Uhr: Vor Julia hat ein frisch gebackener Vater Platz genommen. Er möchte die Geburt seiner Tochter beurkunden lassen, hat aber weder eine Bescheinigung vom Krankenhaus, noch von einer Hebamme dabei. Auch von Frau und Kind ist weit und breit nichts zu sehen. Wo das Kind denn geboren wurde, will Julia wissen. Seine Tochter sei zuhause im Schlafzimmer zur Welt gekommen. Dort, wo sie auch gezeugt wurde, erklärt der Vater. Ob die Hebamme ihm denn keine Geburtsbescheinigung ausgestellt habe? Es sei gar keine Hebamme dabei gewesen. Nur seine Frau und er. Julia stutzt. Das Kind wurde ohne jede Hilfe geboren? Ganz allein? Und wenn was passiert wäre? Seine Frau sei gesund und kräftig. Und im Notfall hätte er den Krankenwagen gerufen. Aber seine Frau und seine Tochter hätten das alles ganz großartig gemacht. Julia kaut nachdenklich auf ihrer Unterlippe und wird ärgerlich, als sie sich dabei ertappt. Schon wieder! Ihre Lippe ist schon die reinste Kraterlandschaft. Immer wenn sie nervös ist, verfällt sie in dieses Muster. Sie seufzt. Aber ihre Unzulänglichkeiten bringen sie hier auch nicht weiter. Wie das Mädchen denn überhaupt heißen soll? Willow. Willow Harper Heinzelmann. Der Vater strahlt sie zufrieden an. Nach seinem Lieblingsfilm und seiner Lieblingsautorin. Julia nimmt sich fest vor, später nach diesem Film zu googeln. Zuerst muss sie dem stolzen Vater aber erklären, dass er jemanden braucht, der die Geburt bezeugen kann, sonst könnte er ja auch einfach ein Kind aus dem nächstbesten Kinderwagen klauen und es als seins ausgeben. Kein Problem, erklärt der Vater. Seine Frau könne es ja bezeugen. Julia seufzt noch tiefer. Sie werde die Sache mit dem Amtsleiter besprechen und sich dann nochmal mit ihm in Verbindung setzen. Aber jetzt solle er erstmal zurück zu Mutter und Kind gehen und sich das mit dem Namen vielleicht auch noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Sowohl Julia, als auch Christian sehen sich Situationen ausgesetzt, die sie selbst nicht in der Hand haben. Sie fühlen sich fremdbestimmt und sind es auch, zumindest in dem beruflichen Rahmen, den wir von ihnen kennen. Das führt zu Stress. Wer ständig etwas machen muss, was eklatant gegen seine eigene innere Überzeugung verstößt oder von dem er sich innerlich distanziert, wird früher oder später unter dem Druck zusammenbrechen. Gesundheitliche Beeinträchtigungen, wie Burn-out oder Depressionen sind da schon beinahe vorprogrammiert. Erstaunlicherweise wird ein Burn-out heutzutage aber mit einer gewissen Hochachtung betrachtet. Da hat jemand so viel gearbeitet, dass er oder sie im wahrsten Sinne des Wortes einfach ausgebrannt ist. Das verdient doch Respekt. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Arbeitnehmern, die am Gegenteil leiden. Der Fachausdruck hierfür lautet Bore-out – also ein ständiges Gefühl der Unterforderung. Wer in seinem Job ständig unterhalb seiner Leistungsfähigkeit bleibt oder bleiben muss, wird früher oder später auch krank. Nur ist das weit weniger anerkannt, als das Burn-out eines sogenannten Leistungsträgers.

10:50 Uhr: Julia langweilt sich. Seit dem Hippie-Vater ist niemand mehr in ihr Büro gekommen. Termine hat sie für heute auch keine mehr. Und den Rest der Woche auch nicht. Die Ablage hat sie schon gemacht und was Anderes gibt es gerade nicht zu tun. Irgendwann ertappt sie sich dabei, wie sie gedankenverloren einen Kaffeelöffel auf ihrer Nase balanciert und dabei die Zeit stoppt (knapp drei Minuten – gar nicht schlecht), als plötzlich das Telefon klingelt. Verwirrt starrt sie den Apparat an. Wer könnte denn was von ihr wollen?

„Müller?“

„Tach, meine Liebe. Ist bei dir auch gerade Saure-Gurken-Zeit?“

Karin, vom Ordnungsamt. Eine neue Kollegin, die erst seit einem knappen Jahr bei der Stadt arbeitet, aber klug und nicht auf den Mund gefallen. Julia hatte sie von Anfang an gemocht.

„Wie meinst du das?“

„Na bei uns ist so wenig zu tun, dass ich schon angefangen habe, alle Schweizer Kantone auswendig zu lernen, weil mir so langweilig ist. Wenn ich so weitermache, muss ich irgendwann einen Monat umsonst arbeiten, weil ich ständig Minusstunden mache. Aber ich halte das hier einfach nicht bis zum Feierabend aus! Ich starre die Wand an und freue mich über jede Stubenfliege, die ein wenig Abwechslung hier reinbringt.“

Sprachlos starrt Julia den Hörer an. Sie war also nicht allein!

„Meinst du, das geht nur uns so?“

„Kommt drauf an, wen du fragst“, erwiderte Karin messerscharf. „Wenn du mit den alten Hasen redest, kommen die natürlich um vor Arbeit. Aber vor kurzen habe ich mit Lancy geredet. Sie langweilt sich auch zu Tode. Woher soll die Arbeit denn auch kommen?“

Stimmt. Woher soll sie auch kommen.

„Und was ist dein Plan? Willst du weitermachen oder suchst du dir was Anderes?“

„Mal schauen. Ich bin zwar schon immer wieder mal am Suchen, aber andererseits – Markus hat ein Angebot für die Staaten bekommen und wir wollen noch ein zweites Kind. Falls ich jetzt schwanger werde, dann könnten wir während der Elternzeit ein oder zwei Jahre in die Staaten gehen und ich hätte die Gewissheit, dass ein Job hier auf mich wartet, falls es nicht klappt.“

„Obwohl der Job so langweilig ist, dass du regelmäßig flüchten musst?“

„Zumindest ein Job mit einem sicheren Rentenanspruch.“

Und das ist das Kernproblem und es betrifft nicht nur die Generation Y. Einen anderen Job anzufangen oder etwas völlig Neues zu beginnen erscheint im Vergleich mit sicheren Rentenansprüchen ein untragbares Risiko. Wir wollen kein Risiko mehr eingehen. Wo unsere Eltern noch voller Enthusiasmus auf die Straßen gegangen sind, gegen Atomkraft, den Kalten Krieg und für Gleichberechtigung gekämpft haben, war für uns nichts mehr zum Kämpfen übrig. Wir sind in relativer Sicherheit aufgewachsen und wollen diese Bitteschön auch behalten. Und wenn das bedeutet, in einem langweiligen Job zu versauern, nur um unsere Sozialversicherungsansprüche aufrecht zu erhalten, dann machen wir in Gottes Namen eben auch das. Wir verdrängen dabei nur ganz gerne mal, dass wir wahrscheinlich gar nicht mehr in den Genuss dieser Rente kommen werden, weil der Sozialleistungsberg bis dahin, aller Wahrscheinlichkeit nach, bereits von der Generation unserer Eltern, den Babyboomern, bis auf einen kleinen mickrigen Hügel abgetragen sein wird. Das heißt, wir müssen ohnehin schuften bis zum Umfallen. Und wenn das der Fall ist, dann können wir das doch genauso gut mit einer Arbeit machen, die uns Spaß macht. Wenigstens mit einem Lächeln auf den Lippen tot umfallen, wenn uns sonst schon keine Perspektive bleibt.

 

 

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