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Die Sicherheit der Höhle

Kehren wir noch einmal zurück zu unseren Vorfahren, den Höhlenmenschen. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die Menschen damals in Höhlen lebten (Nicht alle natürlich. Manche Höhlen gehörten auch den Bären. Und die wollten keine Untermieter). Schließlich hielten sich damals sowohl die Umweltverschmutzung, als auch die Population in Grenzen. Und so eine Nacht unter dem Sternenhimmel ist doch sehr romantisch. Warum also nicht in der freien Natur leben?

Ganz einfach. Die freie Natur war mit mannigfaltigen Gefahren verbunden. Wilde Tiere, die sich noch genau da aufhielten, wo sie hingehören – nämlich in der Natur und nicht im Zoo – und die diese neue Spezies noch nicht als Welten-Unterwerfer betrachteten, sondern als Futter. Regen von oben, Krabbeltiere von unten, Wind von der Seite – nein so richtig gemütlich war das auch nicht.

Deswegen wurden unsere Vorfahren irgendwann sesshaft. Siedelten sich in einer Höhle oder einem anderen Unterschlupf an und richteten sich häuslich ein. Hier ein Platz fürs Lagerfeuer, dort eine Vorratshöhle, da eine Höhlenkrabbelgruppe und schon war alles schön heimelig. Heimelig und sicher. Alles, was sich innerhalb der Höhle befand, war vor den Gefahren des „Draußen“ geschützt. Drinnen war sicher. Draußen gefährlich. Und je sicherer ein Rückzugsort wurde, desto weniger waren die Menschen dazu bereit, diese Sicherheit aufzugeben und sich den Gefahren des Äußeren auszusetzen. Natürlich mussten die Höhlenmenschen weiter auf die Jagd gehen und das taten sie selbstverständlich auch. Aber freiwillig den schützenden Radius verlassen und erkunden, was es auf der Welt sonst noch so gab? Dies wagten nur die mutigsten unter ihnen. Ein paar wagemutige Abenteurer zogen also los und erkundeten, was hinter dem nächsten Berg lag. Oder hinter der Flussbiegung. Oder ob man sich auf dem großen Wasser irgendwie fortbewegen konnte. Viele bezahlten ihren Wagemut mit dem Leben. Aber einige erreichten neue Ufer, fanden fruchtbares Land oder entdeckten andere Menschen. Und wissen Sie was? Sie und ich – wir sind die Nachfahren von denen, die überlebt haben. Wir sind die Kinder der Mutigen, der Zähen – derer, die es geschafft haben, zu überleben.

Und dennoch zieht es uns immer wieder zurück in unsere Höhle. Da ist es sicher und warm. Unsere modernen Höhlen unterscheiden sich natürlich von den Höhlen unserer Vorfahren. Das Lagerfeuer wurde ersetzt von Fußbodenheizung und Fernseher. Unsere Vorräte bewahren wir in Side-by-Side Kühlschränken auf und ein Thermomix ersetzt gleich ein ganzes Arsenal an Küchenutensilien. Unsere Kleidung stellen wir nicht mehr selber her, sondern kaufen sie von dem Geld, das wir täglich mit unserer Arbeit verdienen. Natürlich verlassen wir unsere Höhlen auch. Wir fliegen in den Urlaub, machen Ausflüge oder besuchen Familie und Freunde. Und unsere Kinder- und Seniorenbetreuung haben wir outgesourced, weil wir nicht mehr mit mehreren Generationen unter einem Dach leben.

12:35 Uhr: Wo Mama nur bleibt? Max steht schon seit fast zehn Minuten (für Max fühlt es sich an wie Stunden) fertig angezogen vor seiner Kindergartengruppe (die Dino-Gruppe) und wartet auf Mama. Seitdem er zu den Grandolinos (den Vorschulkindern) gehört, kann er nämlich auch die Uhr richtig gut lesen. Und er weiß, wenn der kleine Zeiger auf der 12 steht und der große Zeiger auf der 3, dann kommt Mama und holt ihn ab. Deswegen darf er sich dann auch immer gleich fertig anziehen und auf Mama warten. Aber heute will sie einfach nicht kommen. Max runzelt die Stirn. Ob sie ihn vergessen hat? Das ist zwar noch nie vorgekommen, aber er hat gestern mit Lena so eine traurige Geschichte gelesen. Über Kinder, die niemand haben will. Die kommen dann in ein Heim. Fast so, wie ein Tierheim. Max überlegt, ob die Kinder in der Geschichte auch in Käfigen schlafen mussten. Aber nein. Er schüttelt den Kopf. Ganz sicher ist er sich allerdings auch nicht. Lena wird das wissen, denkt er. Seine Schwester kann schon so gut lesen, sie wird sich einfach noch einmal mit ihm die Geschichte anschauen.

Immer noch keine Spur von Mama. Vielleicht kommt ja auch Oma und holt ihn ab? Max strahlt. Au Ja! Bei Oma ist es immer lustig. Und Oma hat auch immer Zeit für ihn. Die macht den ganzen Tag nur Quatsch. Eigentlich schade, denkt Max, dass wir nicht alle in einem großen Haus wohnen. Dann sind immer alle zusammen, die sich liebhaben.

Eigentlich komisch, oder? Der moderne Mensch sehnt sich zwar zurück nach der Sicherheit seiner Höhle, will sich das aber gleichzeitig nicht eingestehen und schafft Ersatzumgebungen wie Kindertagesstätten und Seniorenheime, um seine angebliche Freiheit und Unabhängigkeit nicht zu gefährden. Und dennoch begleitet uns unsere Höhle täglich. Selbst wenn wir unsere Höhle, also unsere Wohnung, unser Haus, körperlich verlassen, so begleiten uns die schützenden Wände doch ständig. Die modernen Höhlen sind unsere Komfortzonen. Wir haben uns in unserer Arbeit, in unseren Familien, in unserem Freundeskreis, in unserem Zuhause so sicher eingerichtet, dass es uns allein die Vorstellung, unsere wohlbekannte Schutzzone zu verlassen, eine wahnsinnige Angst einflößt. Selbst, wenn wir eigentlich wissen, dass uns unsere Schutzzone nicht guttut, so scheuen wir doch die Alternative. Die Alternative hieße nämlich, sich aus dem bekannten Raum zu lösen und in etwas Neues hineinzuwagen. Sogar die kleine Lena kennt dieses Gefühl schon zu genüge:

12:40 Uhr: Lena hat Bauchweh. Das hat sie in letzter Zeit öfter, wenn sie in der Schule ist. Vor allem dann, wenn sie, wie heute, eine Klassenarbeit zurückbekommen. Deutsch. Ausgerechnet. Deutsch fällt ihr schwer. Viele Sachen schreibt man ganz anders, als sie gesprochen werden. Am Anfang war das ja kein Problem. Die ersten zwei Jahre durften sie alle Wörter so schreiben, wie sie sie gehört haben. Aber jetzt ist sie ja eine Große. Und soll alles richtig schreiben. Wer bestimmt überhaupt, was richtig ist? Für Lena sind die Worte, die sie schreibt, genauso richtig oder falsch, wie alle anderen. Wichtig ist doch nur, dass man versteht, was gemeint ist. Aber das zählt auf einmal nicht mehr. Und auch Mama und Papa sagen, dass gerade jetzt die Noten ganz besonders wichtig sind. Weil sie in der vierten Klasse ist. Und schließlich aufs Gymnasium will. Oder, Lena? Das willst du doch auch? Lena weiß nicht, ob sie dahin will. Sie hat gehört, dass man da noch viel mehr lernen muss, als jetzt schon. Und dass sie da verschiedene Lehrer haben. Davor hat Lena Angst. Wer weiß, ob die nett sind?

Lena fühlt sich in der Grundschule nicht mehr wohl. Der ständige Druck, der gerade im Jahr vor dem Übergang auf die weiterführenden Schulen auf ihr lastet, ist ihr zu viel. Das beschäftigt das kleine Mädchen so sehr, dass sie sogar körperliche Schmerzen leidet. Ihr Bauchweh ist echt. Lenas Körper signalisiert ihr, dass ihr etwas „auf den Magen schlägt“. Und dennoch macht ihr die Vorstellung diese Umgebung zu verlassen, eine wahnsinnige Angst. Einfach, weil die neue Schule etwas Unbekanntes und Fremdes für sie ist.

Und dieses Gefühl kennen auch Erwachsene nur zu gut.

 

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