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New York, New York – the home of the free

Old glory © FSP Kempten

Das Land der Freien und die Heimat der Tapferen hat, spätestens seit den Gräueltaten des 11. September, eine eher gespaltene Einstellung zur freien Einreise. Bevor ein Nicht-Amerikaner auch nur daran denken kann, seinen Fuß auf amerikanischen Boden zu setzen, muss zunächst einmal ein ESTA Antrag ausgefüllt werden. Dieser wirkt auf den ersten Blick zunächst allein durch seinen schieren Umfang abschreckend und soll es wohl auch sein. Doch wenn man das System einmal begriffen hat, geht eigentlich alles ganz einfach: überall “Nein” ankreuzen und die Sache ist geritzt. “Haben Sie Verbindungen zu terroristischen Gruppen? – Nein.” “Bringen Sie Drogen ins Land? -Nein.” Die einzige Frage, die sich hier wirklich stellt ist: wer antwortet denn da tatsächlich mit “Ja”? So betrachtet könnte man sich den Antrag auch einfach sparen. Wer wirklich mit unlauteren Absichten ins Land möchte, der wird sich von einem ESTA Antrag auch nicht abschrecken lassen.

Aber sei es drum. Wir hatten die Anträge natürlich ordnungsgemäß ausgefüllt und so stand nur noch der Grenzbeamte zwischen uns und unserer Einreise ins gelobte Land. Der JFK International Airport ist der fünfgrößte Flughafen in den USA und befördert jährlich etwa 59 Millionen Passagiere. Zum Vergleich: der Münchner Franz Josef Strauß Flughafen bringt es auf etwa 42 Millionen Passagiere pro Jahr. Obwohl wir schon einige Schauermärchen über die amerikanischen Grenzbeamten zu hören bekommen hatten, können wir diese nicht bestätigen. Die Menschen, die uns in Empfang genommen haben, waren ausnahmslos freundlich und sehr an der deutschen Politik interessiert.

Let there be light © FSP Kempten

“Oh, you are from Germany?”

“Yes, I am.” (Kunststück zu erraten – hält er doch meinen deutschen Pass in der Hand. Aber in dieser Hinsicht gleichen sich deutsche und US-Grenzler verblüffend: Humor ist kein Teil der Jobbeschreibung).

“You know Angela Merkel?”

“Well, not personally.”

Strenger Blick über die Brille: “Pardon?”

“Sorry. I mean: yes, I know her.”

Wohlwollender Blick und Griff zum Visum-Stempel. “Is it true that your houses are expropriated for the refugees?“

„Pardon?“ Ungläubiger Blick meinerseits. Verbunden mit der Hoffnung, die Vokabel „expropriate – enteignen“ falsch verstanden zu haben.

„You have to move out of your houses so the refugees can move in?“ Der Visum-Stempel ist bereit zum Aufssetzen.

„What?“ Kurzes Auflachen. Der Visum-Stempel ruckt wieder nach oben. „I mean“, verlegenes Räuspern und schuldbewusster Blick. „No, no that`s not true.“ Der Visum-Stempel verharrt in der Luft. „Only public properties are provided for the refugees. Not private houses.“

„Hmmm. Miss Merkel ist doing a good job?“

„Well that depends.“

„On what?“ Der Stempel zögert immer noch.

„On who you ask. But in my eyes she´s doing her very best.“

Wohlwollendes Nicken, dann endlich, endlich senkt sich der Stempel und ich bin offiziell in Land der Freien angekommen. Doch diese erste Begegnung mit den amerikanischen (Ur-)Einwohnern war symptomatisch für alle weiteren. Praktisch jeder US-Bürger geht bei der Begegnung mit deutschen Touristen davon aus, dass sie 1. der englischen Sprache vollumfänglich mächtig und 2. umfassend über die politischen Dimensionen im eigenen Land informiert sind.

Wenn ich mir so manchen der Touristen, denen wir im weiteren Verlauf unserer Reise begegneten, genauer betrachte – wie sie mit Brustumhängebeutel, weißen Sportsocken und beigem Blouson am Fuße des Trump Tower verzückt Fotos mit ihrer Kleinbildkamera geschossen haben, wage ich sowohl die erste, als auch die zweite Annahme zu bezweifeln. Das mag vorurteilsbehaftet sein und ist es mit Sicherheit auch. Doch wenn ein Vertreter dieser Spezies bei Starbucks dann verzweifelt mit seinen Armen vor dem Gesicht des verständnislosen Baristas herumfuchtelt und in zunehmender Lautstärke immer den gleichen Satz wiederholt: „Filterkaffe! Ju noh? Ai bekomm a F-I-L-T-E-R-Kaff-E-E!“ dann scheint die Wahrheit zumindest nicht weit von meinen Vorurteilen entfernt zu sein. Auch ein Stereotyp muss eben bestätigt werden.

Home of the free © FSP Kempten

Als wir dann endlich das Flughafengebäude verließen, bot sich uns ein Anblick, der in den nächsten Tagen für uns wohlvertraut werden sollte: gelbe Taxis (die übrigens nicht mehr alle gelb sind) und Obdachlose. Mit ersteren hatten wir gerechnet – ja, dies sogar erwartet, mit letzterem nicht. Egal wohin uns unsere Entdeckungsreise verschlug, überall bot sich uns das gleiche Bild: Obdachlose, die sich in Hauseingängen, an U-Bahnabstiegen, unter Treppen oder schlicht auf dem nächsten Gehsteig eine provisorische Unterkunft gebastelt hatten. Doch nicht nur das. Die Fahrt in einer New Yorker U-Bahn gleicht einem Spießrutenlauf. Während unseres gesamten Aufenthaltes haben wir nicht eine einzige U-Bahnfahrt erlebt – und sei sie noch so kurz gewesen –in der nicht mindestens ein Bettler durch die Gänge der Wagen lief – einmal sogar auf seinen Armen und Beinstümpfen – und uns seinen Hut oder seine Dose entgegenstreckte. Zückten wir am Anfang noch unser Portemonnaie und warfen ein paar Scheine hinein, so machten auch wir es bald unseren Mitreisenden gleich: wegsehen. Das ist bitter und schmerzt. Steckt hinter jedem dieser Menschen doch eine eigene Geschichte. Doch wie das oft so ist: Wiederholungen stumpfen ab. Der erste Anblick war schrecklich für uns. Auch der zweite und dritte. Doch irgendwann gehörte dies auch für uns einfach zum Straßenbild dazu. Daran gewöhnt haben wir uns nie – doch irgendwann mussten wir einsehen: Wir können nicht jedem etwas geben. Es sind einfach zu viele.

© FSP Kempten

Um sich ein Bild von den Dimensionen zu machen: London und New York sind –zumindest von den Einwohnerzahlen her- etwa gleich groß. New York ist mit seinen 8,5 Millionen Einwohnern sogar etwas kleiner als London, das es auf stolze 8,7 Millionen bringt. Im Jahr 2016 sprach Sadiq Khan, der Bürgermeister von London, gar von einer Krise, als sich die Zahl der Obdachlosen in seiner Stadt innerhalb von fünf Jahren auf insgesamt 8000 Menschen ohne Wohnsitz verdoppelte (Nachzulesen hier).

Von einer Krise ist New York hingegen weit entfernt. Die Zahl der Obdachlosen in dieser Stadt hat nichts mit einer Krise zu tun. Es ist eine Katastrophe. Rund 58.700 Frauen, Kinder und Männer sind nach offiziellen Angaben obdachlos. Besonders erschreckend: Etwa 33.000 Schüler in New York City sind ohne festen Wohnsitz und leben in Obdachlosenheimen. Das ist die Kehrseite des American dreams. Jeder kann es hier aus eigener Kraft zu etwas bringen, wenn er denn nur will. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: wer es zu nichts bringt, ist selbst schuld. Dies blendet aber alle die begleitenden Umstände aus, auf die eine Person keinen Einfluss hat. Das Umfeld, in das ein Kind hineingeboren wird, gehört genauso dazu, wie die gesellschaftliche und politische Struktur und die geografischen Gegebenheiten. Die Generation unserer Eltern sprach noch vom „Glück der späten Geburt“. Heute müssten wir vom „Glück zur richtigen Zeit von den richtigen Eltern geboren zu werden“ sprechen. Vielleicht sollte der mächtigste Mann der Welt seinen Ehrgeiz einfach mal daran setzen den Menschen in seinem Land die größte Chancengerechtigkeit zu bieten, anstatt den größten Atomknopf haben zu wollen?

Denn eigentlich besteht dieser Anspruch schon seit der Gründung dieses fantastischen, einmaligen, faszinierenden und einzigartigen Landes:

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

 

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